In letzter Zeit breche ich öfter in Tränen aus, wenn ich im Auto sitze. Ich höre Radio und denke, das sind keine Nachrichten. Das ist eine Bankrotterklärung an Mitmenschlichkeit, Fürsorge, Gemeinschaft. Eine Bankrotterklärung in Endlosschleife, auch wenn die Worte ausgetauscht werden.
Ich weine auch ein bisschen, als der neue Ministerpräsident Sachsen-Anhalts etwas sagt. Ganz einfach, weil es genuin freundliche Worte sind. Ja, sie sind politikbedingt und was soll er auch anders tun, als sich für seine Wahl zu bedanken und die Leistungen der Regierung zu würdigen. Trotzdem ist es ungewöhnlich, einen Politiker ausnahmsweise nicht im Kampf- oder Plattitüdenmodus sprechen zu hören.
Nein, ich finde nicht, dass ich besonders dünnhäutig bin. Meine Tränen sind der Lackmustest auf die Atmosphäre, in der ich mich bewege. An einem Ende schlägt er an bei Freundlichkeit und am anderen bei ihrem Fehlen.
Ich steige aus dem Auto aus, gehe meinen Aufgaben nach und trage nicht an der Schwere der Welt. Ich bohre mich nicht in die Verzweiflung hinein, die mir ihre Mäntelchen hinhält. Hülle ich mich in ein Tuch, das mich erstickt, oder bekleide ich mich mit der Seide des Guten, Wahren und Schönen? Das ist tatsächlich eine Wahl, kein Schicksal. Niemand behauptet, es sei eine einfache Wahl oder eine, die immer gelingt.
Eine Freundin erzählt mir vom Walk of Peace. Ich hatte davon nichts gehört. Die Nachrichten im Radio hauen mir nur täglich aufs Neue ein Leporello von politischem Versagen, Hass, Krieg und Totschlag um die Ohren. (Meta habe ich vor einem Jahr abgeschaltet).
Die Geschichte ist folgende: 19 buddhistische Mönche verlassen am 26. Oktober 2025 ihr Kloster, um von Fort Worth/Texas nach Washington D.C. zu laufen. Die Strecke ist 3.700 km lang. Sie gehen für Frieden, Mitgefühl, liebende Güte, Einheit, Gewaltfreiheit. Seit dem 9. November hat die Gruppe eine Facebookseite mit per 30. Januar 2026 2,3 Millionen Followern. Die Zahl ihrer Follower auf Instagram beläuft sich per 30. Januar auf 1,6 Millionen Menschen (Zahlen Wikipedia).
Die Mönche stehen eines Tages von ihren Meditationskissen auf. Sie verlassen ihre klösterliche Routine. Sie verlassen ihre geregelten Mahlzeiten und ihre Betten. Sie marschieren in den Winter hinein. Sie setzen einen Schritt vor den anderen. Sie tragen ihre traditionellen Roben und drei von ihnen tragen keine Schuhe. Sie setzen einen Schritt vor den anderen und schweigen.
Als sie rund vier Wochen unterwegs sind, rammt ein LKW ihr Begleitfahrzeug, das daraufhin in die Gruppe fährt. Ein Mönch verliert ein Bein. Der zweite schwer Verletzte marschiert mittlerweile wieder mit.
Immer noch setzen sie einen Schritt vor den nächsten. Immer noch wandern sie schweigend. Sie brechen am frühen Morgen auf und wenn sie mittags auf ihrer Wanderung rasten, versammeln sich hunderte, tausende Menschen um sie, um den „Peace Sharing Talk“ zu hören, um sich weiße „Friedensarmbänder“ ums Handgelenk binden zu lassen. Wenn sie zur Nacht in ihrem Marsch innehalten, bieten sie einen weiteren „Peace Sharing Talk“ und wieder weiße Bänder an.
Ein Hund ist übrigens auch dabei, ein Friedensmarsch Veteran aus Indien, der sich 2022 einer für den Frieden wandernden Gruppe von Mönchen anschloss und sein Leben als Straßenhund aufgab. Von ihm wird berichtet, er sei während des Marsches in Indien immer wieder zu den Mönchen zurückgekehrt, selbst nachdem er von einem Wagen angefahren worden und später ernsthaft erkrankt war. Aloka heißt der Hund. Das bedeutet Licht.
Die Mönche und ihr Hund werden noch ein paar weitere Tage einen Schritt vor den anderen setzen und Washington D.C. wahrscheinlich in der 2. Februarwoche erreichen.
Warum machen Menschen so etwas? Warum nehmen sie solche Strapazen auf sich? Ist es wichtig, dass möglichst viele andere von dem Walk of Peace erfahren? Was bewirkt die unmittelbare oder mittelbare Zeugenschaft an diesem Unterfangen bei den Zeug*innen? Was bringen schmale weiße Bänder an einem Handgelenk in das Leben der Person, die das Band trägt?
Es ist Jahre her und ich werde es nie vergessen. Während eines Meditationswochenendes lud uns die Lehrerin ein, beim Sitzen nicht dem ersten Impuls einer Veränderung nachzugehen. Sondern ein paar Mal zu atmen, bevor wir entscheiden, ob wir dem Impuls wirklich folgen wollten.
Ich saß also in meiner zunehmenden Unruhe und hätte gerne meine Hand ein kleines Stück bewegt. Statt dessen tat ich nichts mit der Hand und konzentrierte mich auf den Atem. Und dann, oh Wunder, war der Veränderungsimpuls verschwunden. Niemand hätte mich gehindert, die Lehrerin hatte kein Verbot ausgesprochen, sondern einen Forschungsauftrag erteilt. Mit dem Fokus auf den Atem verloren Unruhe und Unbequemlichkeit ganz einfach ihre Dringlichkeit.
Ich war beflügelt von der Erfahrung, meine Impulse beobachten und sie dadurch beeinflussen zu können. Mein Körper mochte sich unbehaglich fühlen, das Unbehagen veränderte allerdings seine Qualität, wenn ich es wahrnahm und ihm einen Raum hielt. In der Übung entdeckte ich eine gewisse Freiheit.
Ein paar Tage später erzählte ich einer Freundin begeistert von der Unterweisung, einem Bewegungsimpuls bei der Meditation nicht sofort zu folgen. Bevor ich von meiner mich sehr bewegenden Erfahrung berichten konnte, unterbrach sie mich mit dem Satz: Das ist Folter.
Sie meinte es ernst.
Wir betrachten Dinge so unterschiedlich. Wir interpretieren Dinge so unterschiedlich. Das Erlernen von Impulskontrolle kann doch von niemandem ernsthaft abgelehnt werden. Frieden kann doch niemand ernsthaft ablehnen.
Das Gegenteil ist der Fall.
Buddhistische Mönche gehen seit 2.000 Jahren für den Frieden.
Der erste Ostermarsch fand 1960 in der Lüneburger Heide statt, initiiert von Atomwaffengegner*innen. Die Britischen Aldermaston Marches der 1950er Jahre waren ein Vorbild.
1963 marschierte über eine viertel Million Menschen nach Washington D.C.. Martin Luther King sprach die Worte: “I have a dream”.
Bei der Recherche finde ich einen Clip aus Original Filmaufnahmen von 1963. Der Sprecher sagt, die Menschen konnten spüren und sehen, dass sie nicht alleine waren mit ihren Wünschen und Forderungen nach Gleichberechtigung. Die Kamera fängt eine Gruppe junger Frauen ein, die im Sonntagsstaat an einem Kanal sitzt und ihre Füße ins Wasser hält, schwenkt über Menschen unterschiedlicher Hautfarben. Im Hintergrund ist das Washington Monument zu sehen. Freiheit. Einheit. Mitgefühl. Mitmenschlichkeit. Die Menschen lachen, tragen selbstgebastelte Peace Hüte und schwenken Papierfähnchen.
Ich suche nach deutschen Presseberichten über den Peace Walk der Mönche. „Buddhismus Heute“ schreibt darüber. Ansonsten bringt das ZDF am 16. Januar eine 33 Sekunden Videomeldung. Immerhin. Wir plagen uns gerade sehr mit der USA herum. Ist es da nicht gut zu wissen, dort findet etwas anderes als Machtworte und Drohgebärden tiefe Resonanz?
Wir können es nicht sehen. Es ist nicht im Fokus unserer Aufmerksamkeit. Trotzdem ist es da. Es existiert. Es wirkt. Es ist überall.
Es ist die stille Kraft aus dem Verborgenen.
Ich finde einen längeren Artikel über den Peace Walk in der Online Ausgabe der Britischen Tageszeitung The Guardian vom 17. Januar 2026. Der Inhalt des Guardian steckt nicht hinter einer Bezahlschranke, er ist frei zugänglich. Natürlich werde ich um eine Spende gebeten. Einer der Gründe, den sie nennen: Damit wir weiterhin über das berichten können, über das wir berichten wollen. Damit kriegen sie mich sofort. Ich spende € 5 + 0,20 Cent, damit keine Bearbeitungsgebühr anfällt. Als ich später auf die Seite zurückkehre, wird mir für meine Unterstützung gedankt. „Share“ steht neben dem Artikel.
Ja, teilen, denke ich. Ich möchte meine Ressourcen teilen, soweit mir das möglich ist. Ich bin überzeugt, alle Menschen möchten ihre Ressourcen teilen, soweit ihnen das möglich ist.
Die Mönche sitzen jahrelang auf ihren Kissen. Sie lernen die Abgründe ihres Geistes und die Grenzen ihres Körpers kennen. Sie üben Impulskontrolle. Sie üben Präsenz. Sie erlernen die Weite ihres Herzens. Auch im Marschieren haben sie ihre auf einem Meditationskissen erlernte Erfahrung im Gepäck.
Warum fährt ein Truck in den Begleitwagen einer größeren Fußgängergruppe? Warum verliert der Mönch ein Bein? Was bringt einen Straßenhund dazu, sich Menschen anzuschließen, die endlos auf der Straße laufen?
Zufälle, Unfälle, Einfälle. Letzten Endes ist der Walk of Peace unsere eigene Lebensgeschichte in der besten aller Versionen.
Wir setzen einen Fuß vor den anderen. Wir hören nicht zu gehen auf, wenn uns Härte und Schmerz ereilen. Wenn wir auf andere Wesen treffen, sind wir ein Segen für sie. Weiße Bänder des Mitgefühls lassen sich auch ohne einen einzigen Stofffaden weben.
Wir sind ein Licht, selbst wenn wir unsere Leuchtkraft nicht zur Kenntnis nehmen. Wir sind mit einer Weite des Herzens geboren. Sie geht nie wirklich verloren. Sie ist nur manchmal weggeschlossen, wenn wir zu viel gelitten haben.
Ich habe dann später noch nachgeschaut, wem eigentlich der Guardian gehört. Eigentümerin ist die Stiftung Scott Trust Ltd., deren einziges Ziel es ist, die journalistische und finanzielle Unabhängigkeit der Zeitung zu sichern. Keine Ausschüttung an Shareholder. Alles wird in die Zeitung reinvestiert. Der kostenfreie Internetauftritt des Guardian, den ein freiwilliges Unterstützer Modell finanziert, gilt als erfolgreiche Pionierleistung.
Geht doch, das mit dem Teilen auf allen Ebenen.
PS: Wenn du Stille üben möchtest, kannst du dich noch bis 5.02.26 bis 14.00 zur 3. Online Reise ins Land der Stille anmelden: https://inner-education-academy.de/stille


Das ist ein sehr berührender Beitrag, danke liebe Eva. Ich habe deine Worte so gerne gelesen und mich auch bestätigt gefühlt. Ich bin regelmäßig hier im Tibethaus und die buddhistischen Mönche und Nonnen tun mir so gut. Ihre Ruhe und Präsenz färbt ab auf mich.
Für mich selbst ist die Stille in der Meditation ganz wichtig und ich bin froh, dass ich mir die Zeit dafür nehmen kann.
Liebe Brigitte, vielen Dank für deine Worte und das Teilen deiner Erfahrung. Die Gegenwart von Menschen, die ihr Leben in den Dienst der Stille stellen, ist oft so heilsam!