Spuren von Erinnerung

Juli 23, 2026 in Essay

von Eva Scheller

Ein altes schwarz-weiß Foto zeigt meine Mutter auf dem Markusplatz in Venedig. Den Informationen, die auf der Rückseite notiert sind, entnehme ich, sie ist fünfzehn Jahre alt und mit einem Paar unterwegs, dessen Namen mir nichts sagen. Meine Mutter sieht älter aus als fünfzehn. Ihre Haare sind sorgfältig arrangiert, sie trägt ein helles Kleid mit schmaler Taille und weitem Rock. Ich denke an einen Film, den ich als Kind sah, in dem Peter Kraus und Conny Froboess Rock ‘n Roll tanzen. In meiner Erinnerung trägt Froboess so ein Kleid wie meine Mutter.

Der Markusplatz ist leer, nur meine Mutter steht da und füttert Tauben.

Tiziano Scarpa schreibt in seinem Buch „Venedig ist ein Fisch“, Venedig hätte es schon immer gegeben:

„Seit Anbeginn der Zeiten schwimmt es herum; in allen Häfen hat es Station gemacht … An seinen Schuppen blieben orientalische Perlen haften, durchsichtiger phönizischer Sand, griechische Mollusken, byzantinische Algen.“

So, denke ich, könnte Erinnerung entstehen. Seit Anbeginn der Zeiten schwimmen wir in einem Meer von Eindrücken herum. Es bleibt haften, was wir bewusst in unserem Gedächtnis halten. Viel mehr aber bleibt das haften, was wir gar nicht wissen, weil es weit unter der Oberfläche schwimmt, nach und nach zu Boden sinkt, versteinert, zu einem unbenennbaren Bestandteil wird von uns.

Wir sind gemacht aus Erinnerungen, die wir nicht kennen. Um es präziser zu sagen: die unser Verstand nicht kennt.

„Das Gehirn speichert Nachrichten, vernachlässigt aber das, was mit dem Körper und damit auch der Seele geschieht.“ [i]

Ich habe mit meiner Mutter nie über Venedig gesprochen. Ich wusste gar nicht, dass sie jemals in Venedig war, bis ich, viele Jahre nach ihrem Tod, in einem Packen alter Fotografien jenes Bild vom Markusplatz entdeckte.

Vielleicht aber wusste ich es trotzdem? Vielleicht hat sie mir von Venedig erzählt, als ich ein kleines Kind war? Vielleicht hat mein Vater mir vom Venedig meiner Mutter erzählt? Vielleicht habe ich es vergessen, weil mich die Erinnerungen meiner Eltern nicht interessierten? Vielleicht habe ich es vergessen, weil mein Verstand noch gar nicht begreifen konnte, was die Information bedeutete, und nur mein Körper die Schwingungen aufnahm, die in diesen Erinnerungen steckten?

Und selbst wenn mein Verstand in der Lage gewesen ist, eine Information zu verstehen, bedeutet das nicht, dass ich das, was gesag wurde, tatsächlich aufgenommen habe. Wir hören selektiv und manchmal hören wir, etwas, das nicht gesagt worden ist.

Meine Erinnerungen an meine Mutter sind sehr präzise. Ich erinnere mich an die Räume, in denen wir lebten, an die Atmosphäre, die sie kreierte.

Meine Erinnerungen an meine Mutter sind sehr vage. Über einen langen Zeitraum wusste ich gar nichts von ihr. Die Jahre sind ein eingeschmolzener Packen von Zeit in der Rückschau. Zwölf Jahre war sie nicht da. Zwölf Jahre war sie wieder da. Und dann war sie tot.

Es sind keine guten Erinnerungen.

Die Erzählerin in Elisabeth McCrackens  Roman „The Hero of this Book“ wandelt auf den Spuren ihrer verstorbenen Mutter an einem Sonntag durch London. Sie erinnert sich an andere Spaziergänge ihres Lebens, an die Beziehung, die sie als Kind zu Gehwegen unterhielt, und daran, wie sie in Texas zu Fuß ging, wo Fußgänger*innen als Merkwürdigkeit gelten.

„Sometimes in Texas as I walked, I would suddenly feel the presence of all the hidden guns around me, as though I were an x-ray machine.” [ii]

Ich schwimme. Ich schwimme in einer Phase, in der sich versteinerte Erinnerungen verflüssigt haben. Ihr Gift schleicht sich in meine Tage. Ich staune über die Schwäche, die sich daraus ergibt.

Manchmal spüre ich die Präsenz all der versteckten Ereignisse, die mein Leben mit ihren Informationen anreichern, wie ein Röntgengerät.

„Die Zeit der Verluste“ heißt ein Buch von Daniel Schreiber, er sitzt in Venedig in einem Palast, in dem er ein kleines Gästezimmer bewohnt, und denkt über den Tod seines Vaters nach.

Immer wieder stellt er sich die Frage, auf welchen Tag der Beginn seiner Trauer zurückzudatieren sei. Immer wieder findet er andere Antworten.

In einem Abschnitt verbindet er den Beginn der Trauer mit dem Verlust seines schwarzen Schals, den er so lange besessen hatte, bevor er ihn auf einer Lesereise verlor.

Der Vater war noch nicht gestorben, und doch hatte der Verlust bereits begonnen. Das Verlieren einer Zuversicht zum Beispiel, auf ein nächstes Treffen, auf das wieder nächste und danach das überübernächste, in einer Jahresablaufselbstverständlichkeit.

Der Schal und die lange Geschichte der Verbindung mit seinem Träger, sein Abhandenkommen als „Schlag“, sind noch nicht versteinert in den Sedimenten der Erinnerungen. Die Stücke lassen sich unter dem Sand finden wie Seegras im Zersetzungsprozess, das herausgezogen und angeschaut werden kann, das einen erstaunt, weil es seine ursprüngliche Gestalt verloren und dennoch die verlorene Gestalt sich ganz ursprünglich bewahrt hat.

Gleichzeitig verflicht sich die eine Erinnerung mit der anderen in diesem Zersetzungsprozess. Die tatsächlichen Ereignisse, die Anzahl der Worte, die zwischen Sohn und Vater gewechselt wurden, die Anzahl der Stunden, die der Schal seinen Träger wärmte, darüber gibt es kein Protokoll, allenfalls eine vage Auskunft wie „viel“ oder „wenig“.

Was bleibt ist die Qualität der Erinnerung. Das, was im Körper und in der Seele haftet. Der Verstand kennt keine Qualität, nur Fakten oder Annäherungen an diese. Der Verstand meint, was er nicht fassen kann, sei nicht relevant.

Für den überwiegenden Teil der Menschheit bedeutet Venedig gar nichts oder sie denken an eine von Tourist*innen überlaufene Stadt. Eine Handvoll Menschen erinnert sich, dass mir Venedig am Herzen liegt. Selbst wenn sie Venedig nie besucht haben, haben sie die Erinnerung der Verbindung zu mir.

Möglicherweise empfinden sie Freude oder Zärtlichkeit oder eine gewisse Sentimentalität, weil ich ihnen am Herzen liege.

Ich bekomme Bücher geschenkt, die auf unterschiedliche Weise mit Venedig zu tun haben; einmal hat mir eine Leserin ein selbst gestaltetes Lesezeichen geschickt, auf dem Maria Callas aus dem Fenster einer venezianischen Gasse winkt.

Wer mich nicht gut kennt, würde Venedig in einer Erzählung über mich nicht erwähnen. Weil wir uns selbst nicht gut kennen, lassen wir viel von dem aus, was uns entscheidend prägt.

Eine Nachbarin spricht von den Ängsten ihrer erwachsenen Tochter, die sie beim Autofahren behindern. Die Tochter geht deshalb seit kurzem zu einer Psychologin. Die Psychologin vermutet einen Ursachenzusammenhang mit zwei bestimmten Ereignissen im Leben der Tochter.

Nach meiner Erfahrung ist es oft nicht so einfach. Der Verstand bietet Fakten an und zieht Linien, um eine Sache mit der anderen zu verbinden. Körper und Seele schauen zu und schütteln die Köpfe.

Wie kann es sein, dass ich mich als junge Frau an Tieffliegerangriffe erinnere, bei denen ich gar nicht gegenwärtig sein konnte, weil ich erst weit nach Kriegsende geboren wurde?

Wir sind gemacht aus Erinnerungen, die unser Verstand nicht kennt.

Die Journalistin Janet Malcolm schrieb 1994 ein Porträt über den Künstler David Salle, indem sie ihn nicht porträtierte. Wenigstens nicht im üblichen Sinn mit einem Anfang, einem Ende und vielen Informationen zwischendrin. Der Essay, erschienen in einer Sammlung von Malcolms Arbeiten, der er den Titel gab, heißt „Forty-One False Starts“.[iii]

Er besteht aus einundvierzig Vignetten, die jeweils der Beginn eines Porträts sein könnten, jedoch schnell ein Ende finden. Einundvierzig Polaroid Schnappschüsse, die sich nur vage entwickelt haben und jeweils Umrisse zeichnen, die kein klares Bild ergeben.

In der Gesamtschau allerdings, über einen Text von fünfunddreißig eng bedruckte Seiten, entsteht die Komposition eines Lebens.

Ian Frazier, der das Vorwort zu dem Essayband schrieb, „with a piece by Janet Malcolm you never know where things will lead”. [iv]

So ist es mit unseren Erinnerungen. Es gibt keinen Anfang, kein Ende und viel klare Informationen dazwischen. Das ist nur das, was der Verstand uns einreden möchte. In Wahrheit bekommen wir ab und an Partikelchen zu fassen, wie verlorengegangene, abgebrochene Mosaikteilchen, und wir wissen nie, wo uns das hinführen wird.  


[i] Scarpa, Tiziano – Venedig ist ein Fisch, erweitere Neuausgabe, Übersetzung Olaf Matthias Roth, 2024 Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, S. 10

[ii] „Manchmal, wenn ich in Texas spazieren ging, fühlte ich plötzlich die Gegenwart all der versteckten Waffen um mich herum, als wäre ich ein Röntgengerät.“ McCracken, Elisabeth – The Hero of This Book, Penguin Random House UK, 2023, S. 17, Übersetzung von mir.

[iii] Malcolm, Janet – Forty-One False Starts, Granta Books 2014, S. 3ff

[iv] „Mit einem Stück von Janet Malcolm weiß man nie, wo es am Ende hinführt“, A.a.O. S. ix, Übersetzung von mir

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