Die Fruchtbarkeit der Verzweiflung

März 23, 2026 in Buch, Essay, Kurs

von Eva Scheller

Ich lese gerade ein Buch von Ali Smith „Spring“ (Frühling). Eine mäandernde Erzählung, die Charaktere und Ereignisse in überraschender Weise verknüpft. Plötzlich taucht ein Schulmädchen auf, das in ein Gefängnis marschiert, in dem Flüchtlinge einsitzen.

Also „Gefängnis“ und „einsitzen“ sind eigentlich nicht die richtigen Worte, die Flüchtlinge haben ja keine Verbrechen begangen, sie sind vor Krieg, Terror, Elend, Gewalt geflohen und trugen die Hoffnung in sich, Großbritannien zu ihrer neuen Heimat werden zu lassen. In der deutschen Verlagswerbung für das Buch wird der Begriff „Flüchtlingszentrum“ verwendet, doch der Begriff ist ein Witz.

Die Männer, die in diesem „Zentrum“ festsitzen, können nirgendwo hin, sie sind der Willkür der Sicherheitsleute ausgesetzt, sie werden zu zweit oder zu dritt in enge Zellen gesteckt, in denen ein offenes Klo steht, das verschissen ist und stinkt. Den größten Teil des Tages sind sie in den Zellen eingeschlossen.

An diesen Ort also geht das Mädchen, sie geht durch die Security, sie wird nicht aufgehalten, sie marschiert ins Büro des Direktors. Dort bleibt sie vielleicht zehn Minuten. Als sie geht, greift der Direktor zum Telefon und beauftragt eine Reinigungsfirma, deren Mitarbeiter noch am selben Tag anrücken. Sie putzen die Toiletten mit Hochdruckreinigungsgeräten.

Plötzlich riecht der ganze Ort anders. Plötzlich werden andere Geschichten an diesem Ort erzählt. Plötzlich kehrt eine Spur Menschlichkeit ein an diesem Ort.

Mir zerreißt es das Herz.

Ich denke an die Menschen, die an solchen Orten existieren müssen, die die falschen Papiere haben oder gar keine, die an den falschen Orten geboren wurden, die wegen der Orte oder der Papiere hinter Stacheldraht leben, die zum Nichtstun verdammt sind, die keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung, reinem Wasser, angemessener Nahrung haben, ich denke an die junge Frau, die ich letztens sprechen hörte, die eine entsetzliche Reise aus ihrem kriegszerrüttenen Geburtsland hinter sich hat, die ihre Familie vielleicht nie wieder sehen wird, die sich in Windeseile anpasste, Karriere machte und immer wieder gefragt wird, ob sie nicht endlich wieder heim oder zumindest ihren Namen ändern wolle.

Mir zerreißt es das Herz und ich frage mich: Warum können wir nicht mehr lieben? Warum können wir nicht die lieben, die anders sind, die wir fremd oder abstoßend finden, warum können wir die Herzen nicht offen halten?

Ich habe mehr Fragen als Antworten, mehr Schmerz als Liebe, aber immerhin glaube ich, ein paar Antworten und so viel Liebe zu haben, dass ich ab und an in der Lage bin, etwas davon abzugeben.

Ich hatte angefangen, diesen Text zu schreiben, bzw. einen Text zu schreiben für diesen Brief und über den „Bias“ erzählt, die „Parteilichkeit“, das „Vorurteil“, das ich immer wieder in mir finde, worüber ich selbst erschrecke, um im Erschrecken zu begreifen, wie ich „geimpft“ wurde, durch meine Herkunftsfamilie, meine Kultur, ich beschäftigte mich seit Jahrzehnten mit solchen Themen und kann immer noch nicht sagen, ich bin frei davon.

Dabei wäre ich so gerne frei von Abwertung, Verachtung, Ausgrenzung. Dabei wäre ich so gerne ein durch und durch liebender Mensch.

Ich hätte auch gerne eine lautere Stimme, größere Aufmerksamkeit, mehr Einflussmöglichkeiten. Ich sitze manchmal mit der Sinnlosigkeit auf einer Bank, mit dem Verzagen, mit dem Unglück. Ich werde manchmal innerlich umgepflügt von meinem Unvermögen.

Und doch. Und doch ist dies nur die eine Hälfte der Geschichte. Die andere Hälfte ist, dass ich bislang immer noch meinen Mut wieder fand, meine Zuversicht, meine Handlungsmöglichkeiten, dass ich bislang mich früher oder später immer erinnerte an das, was ich vermag. Schnürsenkel richten, Rucksack wieder aufnehmen, weitergehen. Weitergeben.

Weiterschenken.

Weiterschenken Zeit, Energie, Lachen, Freude, Einsichten, Samenkörner mit all jenem, das verbindet, das ja sagt zur großen Aufgabe des Lebendigseins. Ja sagen zum Leben. Nein sagen zum Unrecht.

Das Mädchen in diesem Buch von Ali Smith beschäftigt mich. Eine märchenhafte Figur, eine gute Fee, ich weiß nicht, wie es mit dem Mädchen weitergeht, ich habe das Buch ja noch gar nicht zu Ende gelesen. Vielleicht ist dieses zwölfjährige Kind ein Engel oder eine Gesandte einer anderen Galaxie oder sie ist die Materie gewordenen Gedanken der vielen, die etwas ändern wollen; oder sie ist die Antwort auf ein Gebet.

Möglicherweise ist sie eine Metapher, sie ist all die Menschen, die sich aufmachen, die an Türen klopfen, in Behörden gehen, die Streiks organisieren, die aufstehen und sich verhaften lassen, die sich niederlegen und sich verhaften lassen, die Münzen in Mützen oder Pappbecher fallen lassen, die Brot teilen, eine Wasserflasche weitergeben, die eine Dusche zur Verfügung stellen, die nachts im Winter Schlafsäcke und heißen Tee verteilen, die Bahngleise oder Parkanlagen von Müll befreien, die anderen Zuhören und in diesem Moment keine Meinung haben, nur offene Ohren und ein offenes Herz, die beistehen und beitragen, Schmerz zu halten.

Wie können wir immer mehr unserer Handlungen in Liebe gründen? Wie können wir alle unsere Handlungen in Liebe gründen?

Wie kann ich alle meine Handlungen in Liebe gründen?

Das jedenfalls ist meine entscheidende Frage.

Es ist eine schwierige Frage und es ist eine schwere Frage, die Kunst ist, sich nicht der Verzweiflung anheim zu geben. Die Kunst ist, sich selbst in die Liebe mit einzuschließen.

Wir können es lernen. Wir brauchen vielleicht ein kleines bisschen Überwindung, ein kleines bisschen Glauben daran, dass wir Kraft haben und, ja, auch Macht. Wir brauchen das Wissen, dass wir unsere Welt formen, gerade durch unsere Parteilichkeit, unsere Vorurteile. Es ist ein Anfang, das anzuerkennen.

Letzte Woche wurde ich wieder einmal innerlich umgepflügt, in solchen Momenten ist die Welt kein schöner Ort und mein Körper keine schöne Wohnstatt, bis mir die Idee in den Kopf fiel, wenn es uns gelänge, Herzwurzeln zu wachsen, uns selbst immer wieder im Herzen zu verankern, das wäre doch ein Beginn!

Wenn es uns gelänge, uns selbst zu beruhigen; wenn wir anfingen, unseren Schmerz anzuerkennen. Nicht um einen Opferstatus zu zementieren, sondern ganz einfach deshalb, weil wir das Herz nicht offen halten können, wenn wir uns dem eigenen Schmerz gegenüber verschließen. Genauso wenig können wir das Herz offen halten, wenn wir die Freude ausschließen.

Gefühle sind abwechselnd und auch gleichzeitig da, Gefühle sind wie eine große Familie, die zusammengehört (inkl. der nervigen Tante, des delinquenten Großcousins, der zickigen Schwester, des abwesenden Vaters usw. Wenn wir eins nicht wollen, entscheiden wir uns automatisch gegen die Familienstruktur, die gibt es nur ganz oder gar nicht).

Weil wir Herz und Strategien für schwierige Zeiten brauchen, habe ich aus diesen Überlegungen heraus einen kleinen Kurs gebastelt. Das ist das, was ich früher oder später tue, wenn ich alles furchtbar finde: Schreiben, Möglichkeiten der Selbstermächtigung finden und vielleicht anbieten.

Eine Netzwerkkollegin schreibt im Newsletter an ihre Community, als ich ihr von meinem neuen Kurs erzählte, habe sie spontan gedacht, „den sollte jede:r machen“.

Das ist Zuspruch. Zuspruch hilft der kreativen Kraft der Verzweiflung auf die Sprünge.

Wir können einander Zuspruch geben. In vielfältigster Weise. Wir können Ideen verbreiten, die uns zusagen. Wir können freundlich zueinander sein. Wir können von der Annahme ausgehen, dass jede*r das Beste gibt, auch wenn es für uns manchmal nicht so aussieht.

Vielleicht hat das 12jährige Mädchen, dem Mann, der in dem Buch „Spring“ dafür sorgt, dass nicht britische Menschen, die keine Straftaten begangen haben, in ihren stinkenden, kleinen Zellen eingesperrt bleiben, Zuspruch gegeben. Zuspruch, das zu tun, was er in einem hinteren Winkel seines Herzens schon länger tun wollte. Wer weiß, vielleicht war das Mädchen die Antwort auf sein Gebet.

Caroline Myss schreibt in ihrem Buch „Invisible Acts of Power” die Geschichte eines Mannes auf, der seinem Leben ein Ende setzen wollte, denn er war an der Welt und den Menschen verzweifelt. Auf dem Weg, seinen Vorsatz umzusetzen, sah er, wie eine Frau ihn hinter dem Steuer ihres Wagens anlächelte. Plötzlich fand er sich in der Lage, weiterzumachen. Das Lächeln der Frau hat buchstäblich ein Leben gerettet.

Wir wissen nicht, welches Gebet wir durch unsere freundlichen Handlungen und Gesten beantworten. Doch dürfen wir annehmen, dass wir genau das immer wieder tun.

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