Leise Räume für neues Denken

Januar 10, 2026 in Essay

von Eva Scheller

Es ist still. So still es eben ist, wenn zwei hörende Ohren ins Spiel kommen. Die Heizung rauscht, ein Vogel ruft durchs geschlossene Fenster herein, die Kaffeetasse, die ich, ohne hinzuschauen, vom Schreibtisch hebe, schlägt sanft gegen den Wasserkrug.

Macht ein Baum, der im Wald umfällt, ohne dass hörende Ohren zugegen wären, überhaupt ein Geräusch?

Bekomme ich Geschenke von der Welt, auch wenn ich nicht in der nächsten Schlange der Vergabestelle stehe?

Ich strecke meine Zehen vorsichtig ins neue Jahr. Ich habe viel vergessen von dem, was ich tun und bewegen wollte. Einer Freundin erzähle ich, dass mir das Einhalten der Raunächte am Ende schwer gefallen ist. Sie empört sich.

Nicht über meine vermeintliche Schwäche. Sondern über die Haltung, dass wir immer alles gleich in den Perfektionsanspruch hineinnehmen. Mit allem immer gleich Druck aufs richtige Funktionieren generieren.

Was soll ich sagen?

Sie hat Recht.

Es gibt für alles Gebrauchsanweisungen und Abhak-Listen.

Es gibt für alles den nächsten Impuls und den übernächsten Ratschlag.

Wo bleibt die grundlegende Frage, wie ich mich fühle mit dem, was ich tue?

Wenn mir etwas schwer fällt, bin ich dann schuld, dass es nicht leichter geht?

Oder ist die Aufgabe, die vor mir liegt, vielleicht die Ursache?

Wie finde ich heraus, was ich wirklich will? Ob die Aufgabe, die vor mir liegt, wirklich meine Aufgabe ist?

Die Antwort ist einfach. Ihre Durchführung ist schwer.

Ich muss auf mich hören. Ich schreibe bewusst: „muss“.

Stattdessen höre ich die Anforderungen, nun bitte auch die Raunachtsrituale bestmöglichst abzuarbeiten. Und vergleiche mich mit der Gebrauchsanweisung; oder denke an all die Frauen, die Anfang Januar posten, sie kämen jetzt gerade aus den Raunächten und hätten dies und jenes und auch noch das erlebt, begriffen, verstanden.

Ich muss auf mich hören. Wenn ich nicht auf mich höre, kann ich leicht in einem anderen Leben herauskommen. Einem Leben, das ich mir nur bedingt ausgesucht habe.

Warum höre ich auf andere? Die anderen sind ja nicht einmal konkrete Personen. Die anderen drücken sich aus in Konventionen, Ansprüchen, Erwartungen, Hoffnungen und was nicht alles.

Das alles ist tief eingeprägt. Nicht nur in mir. Wir arbeiten uns auch als Kollektiv an den kapitalistisch-patriarchal gesetzten Mustern ab.  

Ich stehe also am Anfang des neuen Jahres da und schaue ins verschneite Land und will mehr denn je andere Formen finden.

Wenn ich schreibe, ich muss auf mich hören, dann meine ich nicht den Kopf als richtungsweisende Instanz. Der Kopf hält sich für die Königin der Welt. Leider hat der Kopf nur in der von ihm geträumten Vorstellung diese Position. Leider fallen wir regelmäßig auf den Kopf herein und glauben, das, was wir hören, kommt ganz ganz tief aus uns heraus. Dabei ist es nur die Resonanz auf das Übliche.

Der Kopf mit seinen Ideen zum Tun und Sein ist in etwa wie ein Stück vom kleinen Fingernagel verglichen mit dem ganzen Körper.

Unser tiefstes Wesen, unsere größte Kraft, stecken weder im Kopf noch im Tun.

Ich höre den Podcast zweier Moderatorinnen. Ich bin sehr berührt von dem Gespräch zwischen Miriam Janke und Tina Gadow. Sie sprechen darüber, welche Rolle Stille und Schweigen bei Moderationen spielen.

Mich beeindruckt, mit welcher Sorgfalt sie die Räume erkunden, in denen keine Worte gesprochen werden. In Zeiteinheiten gemessen sind es oft winzige Räume. Aus der Unterhaltung wird deutlich, dass selbst die kurze Stille, das kurze Schweigen enorme Auswirkungen haben.

Miriam und Tina bringen eine Reihe von Beispielen des In-Verbindung-Gehens durch Stille und Schweigen. Indem nichts getan, gesagt und damit auch nichts überdeckt wird, kann sich plötzlich etwas entfalten. Im Reden und analytisch Denken hätte dieses „etwas“ keine Chance auf Gehör gehabt. Es wäre in seinem Kokon stecken geblieben.

Ich frage mich an dieser Stelle, wieviel unserer eigenen Entfaltung, für die wir so hart arbeiten, wir wohl selbst verhindern, weil wir uns nicht sorgfältig genug moderieren.

„Stille und Schweigen geben Raum für innere Prozesse. … Das sind die Momente der Teambildung, die bringen Verbindung…“,

notiere ich während des Zuhörens.

Solche Momente brauchen wir für die Verbindung zu uns selbst. Und zwar nicht nur ab und an.

Das meine ich, wenn ich schreibe, ich muss auf mich selbst hören.

Ich muss auf den Kokon hören, der unterhalb des Verstandes liegt, und dort leise und still einem ganz eigenen Plan folgt. Den Plan hat der Kokon nicht gemacht und der Verstand hat ihn ganz sicher nicht entworfen.

Fast das ganze Jahr 2025 hat mich, das hast du vielleicht schon in einem anderen Kontext gelesen, ein Schmerzzustand im Fuß in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Ich habe ihn schließlich Fred genannt, weil mir die Idee des Re-Framing gefiel. Als Fred sich letztens zurückzog, bin ich wieder losgelaufen. Und habe mir, ich verstehe nicht ganz, wie, die Ferse eben jenes, von Fred bewohnten Fußes, so wund gescheuert, dass ich den Fuß nicht mehr in einen Schuh stecken kann.

Interessant, sagt die Eva, die sich dem stillen Hören verschrieben hat.

Während die Eva, die gerne durch die Welt stapft, lieber stapfen möchte.

Und natürlich hat der Kopf eine Menge Küchenpsychologie bereit.

Was mich erheitert: Ich kümmere mich in der Regel nicht um „Künstliche Assistenz“ (KA), lasse mir allerdings von „LinkedIN Rewind“ eine Zusammenfassung meiner Jahresaktivitäten erstellen.

Die KA schenkte mir eine „Top Quote“. Ich könnte schwören, das habe ich nicht bzw. nicht in dieser Weise gesagt, und falls ich es jemals in dieser Weise gesagt haben sollte, dann sicher nicht in „Topzitat“ Häufigkeit 😂:

„Neue Räume für neues Denken ……. besetzen wir die Paläste und statten alles anders aus.“

Kann gerne als Ansporn für 2026 stehen bleiben.

Was ich auch gerne stehen lasse:

Leise Räume für neues Denken, stille Formate für tiefe Veränderung“.

KA sagt, das hätte ich geschaffen.

Na, das ist doch keine schlechte Zusammenfassung dessen, was mir am Herzen liegt.

Im Podcast „Die Moderatorinnen“ von Miriam Janke und Tina Gadow wird auch der Aspekt „Schweigen als Herrschaftsinstrument“ erörtert.

Im Sinne von „jemanden auflaufen lassen“ oder einfach nicht auf ein Anliegen, eine Ansprache reagieren, kann Schweigen Machtausübung sein.

Ich bin für die Anregung sehr dankbar, denn über diesen Aspekt habe ich nie vertieft nachgedacht, obwohl ich vor allem in jungen Jahren viel „schweigende Machtausübung“ erfuhr.

Im Nachdenken finde ich heraus: Für mich gehört Schweigen zur Selbstermächtigung. Vielleicht ist es eine der wesentlichsten Formen der Ausübung von Selbstmacht.

Wenn ich mich der Notwendigkeit enthebe, zu allem und jedem eine Meinung zu haben, in Worten zu reagieren und, im unangenehmsten Fall, in meine alten Verteidigungsmuster zu fallen, versichere ich mich meiner Selbst. Ich bringe meinem ewig plappernden Verstand ruhige Momente bei. Ich lerne, seine Lautstärke herunterzuregeln.

Ich bin meine eigene Herrin. Ich bleibe in und bei mir.

Vielleicht habe ich darum einmal geschrieben, Stille zu üben sei eine der ältesten und wichtigsten Kulturpraktiken.

Zwischen den Jahren finde ich in einem Newsletter das Bild „The Thirteen Grandmothers“ der Künstlerin Chantal Lanouette. Mich packt der Anblick der weisen Frauen, die in die Zukunft blicken. Sie stehen vor mir und gleichzeitig stehen sie hinter mir. Sie wissen mehr als ich, und weil sie mehr wissen, kann auch ich an diesem Wissen teilhaben. Sie sind alt und ewig jung. Sie repräsentieren Medizin nicht nur für unser Zeitalter.

Ich bitte um Erlaubnis, das Werk in meinem Newsletter abzubilden.

Die Dreizehn Großmütter ist eine Gemeinschaft indigener Frauen aus allen Kontinenten. Sie sind zusammengekommen, um ihren Beitrag zu leisten in dieser Zeit des Umbruchs und der existentiellen Not für viele.

In einem kurzen YouTube Video werden sie vorgestellt. Eine von ihnen sagt:

When we felt lost, we sat down and closed our eyes.

Da ist sie wieder, die uralte Kulturtechnik des stillen Innehaltens. Wenn wir verloren gehen, ist es sinnlos, weiter zu laufen, solange die Richtung fehlt.

Der Kopf hat einen Menge Vorschläge und eine Menge Angst.

Die Weisheit hat nur eine Chance, wenn wir ihr die Tür öffnen.

Augen schließen, atmen, abwarten.

Es ist immer wieder erstaunlich, was dann passiert. Und auch hier zeigt sich Schweigen als Herrschaftsinstrument.  

In diesem Sinne wünsche ich uns ein immer wieder stilles Jahr. Mit Raum für Langsamkeit und weise Betrachtungen, aus denen sich eine glasklare Energie zum Handeln ergibt. Mit vielen nährenden Begegnungen in leisen Räumen und stillen Formaten.

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  • „Wenn wir verloren gehen, ist es sinnlos, weiter zu laufen, solange die Richtung fehlt.“ – Ich danke dir wieder einmal für deine klugen Gedanken und Impulse. Wenn doch nur mehr Menschen umsetzen könnten, was sie irgendwo tief drinnen spüren, wenn der Fingernagel mal ausgeschaltet ist. Ich nehme mich da nicht aus, denn ich laufe weiter. Allerdings sehr, sehr langsam, weil ich ständig zurückschaue zur Zeit.

    Schön, dass du bei der Blognacht dabei warst, ich freu mich immer, dich zu sehen!

    • Liebe Anna, danke für deine Überlegungen und Beobachtungen. Wenn wir merken, was wir tun, ist das schon der erste Schritt zur Veränderung! Auf nnoch viele Begegnungen. Sehr herzlich Eva

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